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Saturday, December 16, 2017
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Économie Sociale und förderungswirtschaftliche Unternehmen
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Économie Sociale und förderungswirtschaftliche Unternehmen

Gedanken zu der Veröffentlichung des Buches „Die europäische Économie Sociale oder der Versuch einer allgemeinen Demokratisierung“ von Thierry Jeantet und zur deutschen Debatte über Économie Sociale

24 pages · 3.44 EUR
(February 2001)

 
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Aus der Einleitung:

Die Lektüre des Buches von Jeantet hinterläßt beim Leser den Eindruck, daß économie sociale ein außerordentlich komplexes Phänomen ist, das in Deutschland – wie Jeantet schreibt – ignoriert, angezweifelt oder abgelehnt wird, und zwar sowohl aus philosophischer, politischer, genossenschaftlicher und rechtlicher Sicht und aus unterschiedlichen Gründen.

Gleichzeitig regt dieses Buch zum Nachdenken darüber an, warum das wissenschaftliche Interesse an förderungswirtschaftlichen Alternativen zu immer ungehemmterer Jagd nach Größenwachstum durch Fusionen um fast jeden Preis und zu rücksichtslosem Streben nach höherem share holder value, so gering ist. Außerhalb Deutschlands wird intensiver darüber diskutiert, ob individuelles Verdienen uneingeschränkt den Vorrang vor Gruppensolidarität verdient oder ob kooperativer Individualismus (Dettling) oder altruistischer Egoismus nicht die besseren Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit sind, welchen Stellenwert Gewinnstreben im Vergleich zu Bedarfsdeckung und Menschenverträglichkeit ökonomischen Handelns hat und ob Rationalisierung durch Konzentration und Innovation zwangsläufig und selbstverständlich mit Personalabbau einher gehen müssen.

Das neue Buch von Jeantet und der 75. Geburtstag des zu ehrenden Kollegen Engelhardt bieten einen guten Anlaß, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum Überlegungen zu einer sozialeren Ökonomie, zu einer économie solidaire in Deutschland oft von vornherein mit nicht immer zutreffenden Argumenten abgelehnt werden. Z.B., daß es sich bei der aus Frankreich stammenden Idee der économie sociale um eine verkappte Form des gerade weltweit gescheiterten Staatssozialismus handele, einer Methode zur Instrumentalisierung von Genossenschaften, zur Förderung parasitärer, von staatlichen Subventionen abhängiger Strukturen.

Engelhardt gehört zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die sich seit langem um Verständnis für die Sichtweise der économie sociale bemühen, und die ganze Breite förderungswirtschaftlicher Unternehmensmodelle in ihre Forschungen einbeziehen.

Es gibt einige gute Gründe für die Distanz, mit der deutsche Wissenschaftler und Praktiker dieses Phänomen betrachten. In Deutschland hat man sich seit langer Zeit für andere Lösungen der wirtschaftlichen und sozialen Probleme entschieden, derer sich die économie sociale annimmt. Zwar gibt es in Deutschland auf der sozio-ökonomischen und politischen Bühne die gleichen Akteure wie in Frankreich, aber mit unterschiedlichem Selbstverständnis und unterschiedlichen Rollen:

− den Sozialstaat, der in Deutschland auf Schutz und Hilfe für den einzelnen ausgerichtet ist und nicht auf die Unterstützung von Gruppen,

− die genossenschaftlichen Unternehmen mit ihrem Netz von Prüfungsverbänden mit Zwangsmitgliedschaft aller eingetragenen Genossenschaften, die einen stabilen und starken Verbund bilden und sich als mitgliederbezogene Selbsthilfeorganisationen verstehen, auch wenn gerade deren stärkste Gruppe, die Genossenschaftsbanken, mit umfangreichem Nichtmitgliedergeschäft zunehmend gemeinwirtschaftliche oder erwerbswirtschaftliche Züge annimmt,

− die Versicherungsvereinigungen auf Gegenseitigkeit, die teils als Bestandteile des Genossenschaftsverbundes, teils ohne Verbindung zu Genossenschaften arbeiten,

− die Idealvereine, die nach deutschem Recht nicht zum Betreiben eines Wirtschaftsunternehmens als Hauptzweck berechtigt sind, denen aber dennoch wirtschaftliche Tätigkeiten als Nebenzweck erlaubt sind, ein „Nebenzweckprivileg“, das zunehmend extensiv ausgelegt wird,

− Unternehmen mit sozialer Zielsetzung, vorwiegend in Dienstleistungsbereichen des Gesundheitswesens, der Arbeitsbeschaffung und der Altenbetreuung, die sich aber nur zum Teil als Elemente einer gemeinsamen Bewegung oder eines besonderen Sektors der Wirtschaft betrachten und sich insbesondere nicht als mit Genossenschaften und Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit zusammengehörig verstehen.

Eine unterschiedliche historische Entwicklung des Sozialstaates in Deutschland im Vergleich zu Frankreich, das Fehlen einer entsprechenden Tradition und einer gemeinsamen ideologischen Basis, aber z.B. auch die unterschiedlichen Rollen von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden beim Akzeptieren gesamtwirtschaftlicher Verantwortung oder bei der Regelung von Arbeitskonflikten hindern die Mehrzahl der Deutschen daran, in Kategorien der économie sociale zu denken und nach einem alternativen System des Wirtschaftens zu suchen.


quotable essay from ...
the author
Prof. Dr. Hans-H. Münkner

seit 1972 Professor für in- und ausländisches Gesellschaftsrecht und Genossenschaftslehre in Marburg; mehrere ausländische Gastprofessuren; Gesetzgebungsberatung in vielen Ländern, ebenso zahlreiche Mitgliedschaften in Wissenschaftlichen Gesellschaften und Gremien, u.a. seit 1995 Ehrenmitglied der British Co-operative Law Association. Forschungsschwerpunkte: Gesellschaftsrecht und Bodenrecht der Entwicklungsländer, insbesondere Genossenschaftsrecht (dort auch Gesetzgebungsberatung) und Selbsthilfeförderung in Afrika und Asien, Einsätze als Berater im Rahmen internationaler (FAO, ILO, UNIDO) und bilateraler Entwicklungszusammenarbeit in mehreren Kontinenten.