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Thursday, October 19, 2017
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Antidemokratische Grenzziehungen
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Antidemokratische Grenzziehungen

Zur Kritik von Ethnizitätsvorstellungen

21 pages · 4.23 EUR
(July 2011)

 
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Aus der Einleitung:

In der Ethnizitätsforschung hat sich im Wesentlichen eine Dichotomie der theoretischen Grundannahmen durchgesetzt, nach der die Mehrheit der Forschungsansätze klassifiziert wird. Auf der einen Seite handelt es sich um die so genannten primordialistische bzw. essentialistische Position, die davon ausgeht, dass Ethnizität als natürliche Kategorie auf der Basis von objektiven und ursprünglichen Dispositionen erfasst und beschrieben werden kann. Diese Position ließe sich auch als essentialistisch-differenzielle bezeichnen, da sie einerseits von der wie auch immer bestimmten Naturgegebenheit von Ethnizität ausgeht, andererseits aber auch die Menschen nach diesem Kriterium differenziert. Auf der anderen Seite der Ethnizitätsdiskussion findet sich die so genannte konstruktivistische Position, die von einer sozialen Konstruktion von Ethnie und Ethnizität ausgeht. Hier wird vor allem die Subjektivität des normativen Gehalts von Ethnizität betont und auf historische, soziale und politischen Umstände hingewiesen, die die Identifikation mit dem Konzept der Ethnizität verursach(t)en.

Diese Dichotomisierung ist sozialwissenschaftlich betrachtet unbefriedigend. Zum einen, weil mit ihr die wissenschaftstheoretische Gefahr einer idealtypisierenden Vereinfachung verbunden ist, weshalb Stephan Ganter auch vorgeschlagen hat, die Begriffe als "Richtungsbegriffe" zu verwenden, mit deren Hilfe unterschiedliche theoretische Tendenzen angedeutet und die Positionen näherungsweise eingeordnet werden können, ohne dabei Überschneidungen zwischen den Ansätzen zu nivellieren. Zum anderen ergibt sich der gewichtigere Einwand, dass die dichotome Scheidung der Theorien über Ethnizität der politischen und gesellschaftlichen Realität nicht gerecht wird, also beide Konzepte nur Teilausschnitte der Wirklichkeit theoretisch einfangen und somit begrifflich fassbar machen.

Im vorliegenden Beitrag soll versucht werden, beide Ansätze unter Nutzung einer ideologiekritischen Methode nach ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit zu befragen und dabei letztlich beide – wenngleich aus unterschiedlichen Gründen – als verkürzt zu kritisieren. Denn während die konstruktivistische Position Ethnizität als ein lediglich gedachtes Konstrukt verwirft, dabei aber vor dem Dilemma der Unerklärbarkeit des neuerlichen Booms ethnischer Identifikationsangebote steht, unterstellt die essentialistische Position die Existenz einer ethnischen Prädisposition des menschlichen Lebens und ignoriert dabei nicht nur die neueren Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, sondern auch den inzwischen naturwissenschaftlich zweifelsfreien Nachweis der Inexistenz einer "natürlichen/biologischen" Grundlage von Ethnizität.

Der Versuch, eine ideologiekritische Theorie der Ethnizität zu formulieren, soll gleichermaßen nach der letztlich politisch-psychologischen Attraktivität der Identifikation mit ethnischer Identität wie der schrittweise vollzogenen historischen Konstruktion des "ethnischen Gemeinsamkeitsglaubens" fragen und dabei deren subjektive wie die als objektiv unterstellte Dimension problematisieren. Auf diese Weise könnte ein theoretischer Weg aus dem gegenwärtig weithin bestehenden Dilemma des Fehlens einer fundierten sozialwissenschaftlichen Interpretation von Ethnizität und ethnischen Bewegungen aufgezeigt werden, die von einer Kritik ethnischer Homogenitätsideale ausgeht.


quotable essay from ...
(Un)Gleichzeitigkeiten: Die demokratische Frage im 21. Jahrhundert
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the author
PD Dr. habil. Samuel Salzborn
Samuel Salzborn

Professur (in Vertretung) für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Demokratie- und Demokratisierungsforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.