sprache deutsch
sprache english
» shopping cart
0 article(s) - 0.00 EUR


Monday, June 26, 2017
 welcome page » economy  » economical analysis  » macroeconomics 

Streit um die Makroökonomie

Theoriegeschichtliche Debatten von Wicksell bis Woodford

248 pages ·  29.80 EUR (incl. VAT and Free shipping)
ISBN 978-3-7316-1193-6 (February 2016 )

Register

 
 
Peter Spahn zeichnet den Wandel der makroökonomischen Weltbilder seit Wicksell nach und legt die Schwächen der verschiedenen makroökonomischen Schulen ebenso offen wie die ihrer Kritiker. more...
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.2016, S. 16 ()

"

Spannende Zeitreise

Eine kleine Geschichte makroökonomischen Denkens

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist die Wirtschaftswissenschaft und hier vor allem die gesamtwirtschaftliche Theorie (Makroökonomie) unter Beschuss geraten. Vier Kritikpunkte sind dominierend. Erstens wird das Denken der Ökonomen in Gleichgewichten als untauglich bezeichnet, um Krisen zu verstehen. Zweitens habe die Annahme rationaler Erwartungen der Teilnehmer an das Wirtschaftsleben mit dem tatsächlichen Verhalten der Menschen nichts zu tun. Drittens führe der Versuch der modernen Makroökonomie, ein Fundament auf die Theorie einzelwirtschaftlicher Entscheidungen (Mikroökonomie) zu bauen, zu wirklichkeitsfremden und schwer verständlichen Modellen. Und viertens unterschätzen moderne makroökonomische Modelle eklatant die Bedeutung von Geld und Finanzmärkten.

Was ist an dieser Kritik dran? Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim, vertritt die Auffassung, das nur ein Blick auf die Theoriegeschichte der Makroökonomie eine sinnvolle Diskussion der Frage gestattet. Als Makroökonom und Dogmengeschichtler bringt Spahn die Qualifikation für sein Unterfangen mit. Das Ergebnis ist ein sehr kompakt geschriebenes und inhaltsreiches rund 250 Seiten umfassendes Buch in deutscher Sprache, das volkswirtschaftliche Grundkenntnisse und die Bereitschaft erfordert, sich auf makroökonomische Modelle einzulassen. An mehr als einer Stelle wäre etwas mehr Raum für eine weiter ausholende Erklärung hilfreich gewesen, um dem nicht so versierten Leser den Zugang zu erleichertn

Spahn beginnt mit dem Schweden Knut Wicksell, dessen 1898 erschienenes Buch "Geldzins und Güterpreise" in seiner Bedeutung für die Makroökonomie bis heute unterschätzt wird. Wicksell hat viele Ökonomen unterschiedlicher Schulen beeinflusst, darunter auch den heutigen Mainstream. Wicksells zentrale Botschaft war nach Ansicht Spahn, dass die Vergabe von Bankkrediten den Zusammenhang von Ersparnis und Investition entscheidend verändert.

Eine vollständige gesamtwirtschaftliche Theorie entwickelte der Schwede allerdings nicht; sie verbindet sich zuerst mit dem Namen John Maynard Keynes. Spahn gibt dem Werk des berühmten Briten viel Platz und zeigt damit unter anderem seine Vielschichtigkeit. Sehr zu loben ist, das er eng an den Originaltexten - des Buches "Vom Gelde" (1930) und der "Allgemeinen Theorie" (1936) - vorgeht.

Anschließend arbeitet sich der Autor durch die Theoriegeschichte. Besonders interessant wird die Auseinandersetzung mit der modernen makroökonomischen Theorie, wie sie heute in den Lehrbüchern zu finden ist. Der Grundgedanke der neuen Theorie besteht darin, "die seit Jahrzehnten gepflegte Konvention einer Abgrenzung zwischen Konjunktur- und Wachstumstheorie aufzugeben" und durch eine Wachstumstheorie zu ersetzen, in der unvorhersehbare Datenänderungen eine wichtige Rolle spielen. Durch das Standardmodell läuft ein Robinson Crusoe, der repräsentativ für die Menschen steht, und versucht, seine wirtschaftlichen Alltagsprobleme in einer unsicheren Welt zu lösen. Das wurde als ein großer Fortschritt verstanden, weil dadurch formal die Verbindung von einzelwirtschaftlichem und gesamtwirtschaftlichem Denken möglich erschien. Dieses Grundmodell wurde in den vergangenen Jahrzehnten zwar erheblich angereichert, aber Spahn stellt trocken fest, dass die neue Form des Arbeitens dazu führte, dass die neue Theorie offenkundige empirische Fakten wie die Reaktion der Wirtschaftsleistung und der Beschäftigung "auf geldpolitische Impulse noch weniger als zuvor erklären konnte".

Dennoch sei ein nicht geringer Teil der teils scharfen Kritik an der heutigen makroökonomischen Theorie nicht gerechtfertigt, kommentiert Spahn. Die Kritik beruhe zu einem großen Teil auf Missverständnissen. "Gleichgewichtstheorie bildet geradezu den Kern der Volkswirtschaftslehre", schreibt der Verfasser. Das seit den achtziger Jahren betriebene "Projekt einer mikrofundierten Makroökonoie ist als groß angelegter Versuch einer Synthese zu werten, die prinzipiell einen richtigen Werg einschlägt".

Aber auch wer sich auf einem prinzipiell richtigen Weg befindet, kann die Orientierung verlieren. Spahn sieht eine Schwäche der heutigen makroökonomischen Theorie in einem "vor einem erheblichen Konformitätsdruck" beeinflussten Drang, immer komplexere Modelle zu entwickeln, die zwar in sich formal schlüssig seien, aber dafür einen Mangel an Realitätsnähe aufwiesen. In diesem Zusammenhang sieht Spahn den Einbau von Friktionen an Finanzmärkten in traditionelle Modelle kritisch, denn diese würden dadurch noch komplexer. Wobei Spahn das Thema selbst für sehr wichtig hält: "Gesamtwirtschaftliche Stabilitätsprobleme drohen aber vor allem vom Finanzmarkt." Ablehnend äußert sich der Stuttgarter Ökonom gegenüber der Neigung, die ökonomische Theorie durch Ausflüge in die Psychologie zu ergänzen.

Wo könnte eine Lösung liegen? In einfacheren Modellen, antwortet Spahn, der vor allem den Verzicht auf den Zwang meint, jedes Modell mikroökonomisch zu unterlegen. Dies "eröffnete die Möglichkeit, Interdependenzen zwischen verschiedenartigen gesamtwirtschaftlichen Problemfeldern (Kreditblasen, Variationen der "natürlichen Raten" bei Arbeitslosigkeit, Produktion und Zins) in noch transparenterer Weise herauszuarbeiten." In theoretischer Hinsicht spreche vieles dafür, das in früheren Jahrzehnten stärker diskutierte Thema der Zusammenhangs zwischen Einkommensverteilung, Kredit- und Güternachfrage wieder aufzugreifen. Ob die Theorie diesen Weg gehen wird, ist offen. Aber darüber nachdenken kann man sehr wohl - ebenso wie über Spahns Feststellung, dass viele wirtschaftspolitische Fehlleistungen der jüngeren Vergangenheit im Widerspruch zu Folgerungen aus dem oft verdammten makroökonomischen Mainstream standen.




the author
Prof. Dr. Peter Spahn
Peter Spahn Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim (Stuttgart). [more titles]
known reviews by the publisher
  • "Spannende Zeitreise" ...
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.2016, S. 16 more...
that may interest you, too