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Samstag, 15. Dezember 2018
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Gerechtigkeit in der Wirtschaft – Quadratur des Kreises ?

"Ethik und Ökonomie"  · volume 2

206 pages ·  24.80 EUR (incl. VAT and Free shipping)
ISBN 3-89518-527-2 (April 2006 )

 
 

Der vorliegende Band vereinigt die überarbeiteten Beiträge zu der gleichnamigen Tagung an der Evangelischen Akademie Hofgeismar vom 12.- 14.11.2004. Hintergrund ist die historisch gewachsene und immer stärker formalisierte und weiterentwickelte Konzentration der Standardökonomik auf Effizienzurteile und die zunehmende Ausblendung von Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen im ökonomischen Denken. Über die Kritik wohlfahrtstheoretischer Engführungen hinaus präsentiert dieser Band verschiedene neuere Ansätze zur (Wieder-)Einbeziehung von Gerechtigkeitskonzeptionen, beginnend mit der Idee der "Natürlichen Wirtschaftsordnung" (Prof. Dr. Gerhard Senft, Wirtschaftsuniversität Wien), weiter über die Idee der Nachhaltigkeit als intergenerationaler Gerechtigkeit in philosophischer und juristischer Sicht (Prof. Dr. Felix Ekardt, Universität Bremen), das System der Einkommensbesteuerung zwischen Effizienz und Gerechtigkeit (Prof. Dr. Dirk Löhr), neuere Konzepte von Gerechtigkeit in der Wirtschaftswissenschaft (Prof. Dr. Stephan Panther, Universität Flensburg), den Gerechtigkeitsbegriff im Alten und Neuen Testament mit seinen sozialethischen Konsequenzen (Pfarrer Dr. Jochen Gerlach, Pfarrer in Wabern) bis hin zum Problem der "Austreibung des Dämonischen aus der Wirtschaft" (Prof. Dr. Thomas Ruster, Universität Dortmund). Einen Strukturierungsvorschlag zu dieser komplexen Problematik liefert die kurze Einleitung des Herausgebers.

Zeitschrift für Sozialökonomie 151/2006, S. 38-39 ()

Stephan Panther, Ökonomieprofessor an der Universität Flensburg, startet mit überraschenden empirischen Ergebnissen. Das erste lautet, dass Abweichungen von einem rationalen Verhalten im Sinne des "homo oeconomicus" am besten mit der Annahme von Gerechtigkeitsvorstellungen erklärt werden können (S. 31). Zu den von den Versuchspersonen (überwiegend Ökonomen!) angewandten Kriterien gerechter Verteilung zählt Panther nun nicht nur die subjektiven Leistungen und die (Grund )Bedürfnisse, sondern interessanterweise auch die Maximierung des Gesamtnutzens, wie es Eigenschaft des Marktes sein soll. Letztlich belegen die vorgestellten empirischen Befragungen und Untersuchungen, dass das Marktsystem nicht abgelehnt wird, die Delegation von immer mehr politischen und sozialen Aufgaben an dieses "Allheilmittel" hingegen auch nicht dem Willen der Akteure folgt.

Nach dieser beruhigenden wie bestärkenden Auskunft zu aktuellen politischen Auseinandersetzungen greift Gerhard Senft von der Wirtschaftsuniversität Wien mit dem "Gerechtigkeitsgehalt im wirtschaftlichen Leitbild Silvio Gesells" ein die Tagungsteilnehmer besonders interessierendes Thema auf; dabei beschränkt er sich nicht auf dieses, sondern gibt eine vom Leser schon eingangs erwartete Gesamtschau über den Gerechtigkeitsbegriff. Seine zusammenfassende Definition als soziales Organisationsprinzip erweist sich durchaus auch für die übrigen Beiträge als gültig. Die ausführliche Darstellung von Gesells Leben und Lehre in einer Zeit großer Umbrüche ist wichtig, um die Schwierigkeit des Verfassers nachvollziehen zu können, ein klares Bild herauszuarbeiten. Dennoch wagt Senft recht deutliche Aussagen: Da ist zum einen Gesells schon häufig angegangene, vom Darwinismus geprägte Anerkennung des Marktes als "Kampfbahn", andererseits aber auch seine laboristische Forderung nach Anerkennung des Arbeitswertes, also eine subjektive Leistungsgerechtigkeit. Hingegen vermisst Senft in Gesells Leitbild völlig die Bedürfnisgerechtigkeit und fragt: "Soll nun das Fehlen persönlicher Potenziale und Reserven tatsächlich zu einem Dasein am Rande des Abgrunds führen?" (S. 81).

Wer den dritten Beitrag über die Einkommensbesteuerung (Dirk Löhr, FH Trier) als trockenes Spezialistenthema überschlägt, würde gleichzeitig starke Argumente verpassen, weshalb die Verlagerung der Steuereinnahmen auf die unteren und mittleren Einkommensklassen mit der Abflachung der Progression und der Anhebung der Umsatzsteuer das Prinzip der Besteuerung nach Leistungsfähigkeit verlässt und auch gegen die Verfassung verstößt. Für den anschließenden Beitrag von Felix Ekardt muss man hingegen ein Spezialist sein, nämlich in Juristerei oder scholastischer Spekulation, um die "universalistische Neufundierung der Gerechtigkeit" nachvollziehen zu können. Auf der Suche nach einem Fazit landet man mit der Wunschvorstellung eines Wohlstand fördernden Liberalismus, der gleichzeitig von intertemporaler und globaler Gerechtigkeit sein soll (S. 139, 144), letztlich wieder bei der Fragestellung der Tagung.

Wie eingangs schon skizziert, bekennen sich die Theologen und Verfasser der beiden letzten Beiträge zu der scheinbaren Widersprüchlichkeit von Wirtschaft, sprich den materiellen Interessen des Einzelnen, und der Gemeinschaft fördernden Gerechtigkeit. Thomas Ruster (Uni Dortmund) will "mit Tora und Talmud" die Diktatur des (überzeugend dargestellten) autonomisierten Funktionssystems Ökonomie brechen. Trotz der intellektuellen Kraft seines Textes vermag er vielleicht zu wenig, seine alttestamentarischen Vorbilder von Gottes Ratschluss suchenden Entscheidungsprozessen in die heutigen Verhältnisse zu übersetzen. In (guter) Lutherischer Tradition schaut zum Schluss Jochen Gerlach (Pfarrer, Ev. FH Darmstadt) dem Volk aufs Maul, gesteht ihm seine Egoismen zu und warnt vor gut meinender, aber Schaden bringender purer Gesinnungsethik. Was Ruster mit "Torafizierung" umschreibt, konkretisiert Gerlach, nämlich dass "die religiös begründete Gerechtigkeit ... in ihren konkreten Gestalten Aufgabe der politischen Diskussionen, der rechtlichen Verfahren und der ethischen Klärungen (ist)." (S. 195)

Zum Schluss stellt der Ökonom die Frage nach dem Nutzen dieses Bandes: Nun, ganz handfest liefern die Beiträge von Panther und Löhr Pfunde, mit denen in der politischen Diskussion zugunsten mehr Gerechtigkeit gewuchert werden darf. Das gewichtigste freilich findet sich reichlich spät und an unerwarteter Stelle: Die Langfristig positiven Folgen praktizierter Gerechtigkeit für ein Volk (Gerlach, S. 200), in der Einleitung des Herausgebers (die sich übrigens auch gut am Ende liest) übersetzt in eine elementare Voraussetzung für konfliktfreies Wirtschaften (S.18). Doch wer mit Bedacht den ganzen Band gelesen hat, wird vielleicht auch erkennen, wie schwer und gleichzeitig unabdingbar es ist, vom gerade praktizierten Denken in Effizienz und Nutzen auch einmal Loszulassen. Und man würde im Untertitel des Buches primär den Kreis als Sinnbild für die von Ruster (S. 149) geforderte "Harmonie zwischen den Systemen" sehen, die unsere linear angeordnete Gesellschaft nicht zulässt.


Der Autor
Prof. Dr. Hans G. Nutzinger
Hans G. Nutzinger

vertritt das Fachgebiet Theorie öffentlicher und privater Unternehmen am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Kassel. Von 2000-2003 Fellow am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt.

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